Chronik


Stadtchronik

Die wichtigsten Ereignisse in und um Wittenberge von der Steinzeit bis 2009.


Sagen & Geschichten


Das Fräulein bei Wittenberge

Unterhalb Werben beginnt eine Landschaft, die nennt man in der Priegnitz, da liegt noch ein Fleck, heißt die alte Stadt, und darüber, wo jetzt Ackerfeld ist, erhebt sich ein hoher Hügel. Das soll die Stätte sein, wo früher das Schloss der Herren von Wittenberge stand und zu seinem Fuße das alte Wittenberge. Es ist nicht geheuer an diesen verödeten Stätten, und man sagt insonderheit, das ein verwünschtes Fräulein dort wandere. Dieses Fräulein, als es noch im Leben wandelte, war einem Ritter verlobt, der von ihr hinweg in den Krieg ziehen musste, und brach ihm die Treue. Als er voll Sehnsucht nach ihr heimkehrte, fand er sie als eines anderen Weib, und zwar als das eines der Herren von Wittenberge. Darüber wurde der hintergangene Bräutigam also zornig, dass er ein Heer sammelte, dem von Wittenberge Fehde bot und Burg und Stadt Angriff, gewann und zerstörte. Dafür, dass durch seine Untreue so viele unschuldige Menschen umkommen mussten, wurde das Fräulein verwünscht, ruhelos umzugehen bis an das Ende der Tage. Von da an begannen die Einwohner der Stadt, soviel ihrer geflüchtet waren, die Stadt an einer anderen Stelle wieder aufzubauen. Dieselbe hat jetzt eine berühmte Eisenbahnstation, und denkt dort niemand mehr an das wandelnde Fräulein.

 

Quelle: Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch. Meersburg und Leipzig 1930, S. 247.


Wittenberger Sage

Die kleine Stadt Wittenberge in der Priegnitz, im Alterthum Weißenburg geheißen, erbaute Karl der Große. In der Nähe derselben, an der Elbe, liegen die Ruinen der vormaligen weit größern Stadt, von der noch gewölbte Gänge, Gruben und Wälle zu sehen sind, sowie auf einem Hügel dabei die Ueberbleibsel eines befestigten Schlosses.

Zur Zeit als die slavischen Schmaldinger mit den benachbarten Ligondern sich bekämpften, lebte in Wittenberge ein vornehmes Fräulein, welches mit einem mächtigen Fürsten verlobt war. Dieser zog in die Fremde, nachdem er vorher das Versprechen gegeben, nach seiner Zurückkunft, die in Kurzem erfolgen werde, die Hochzeitsfeier mit seiner Geliebten zu vollziehen. Da erhielt er die Kunde, dass das Fräulein ihm die Treue gebrochen und ihre Hand einem anderen gegeben habe. Wütend eilte der betrogene Bräutigam zur Heimat und Rache entflammt griff er mit seinem Heere die verschanzte Stadt an und nahm und zerstörte sie samt dem Bergschloss bis auf den Grund. Die unglücklichen Bewohner aber kehrten nach eingetretener Ruhe zurück, bauten jedoch die verheerte Stadt nicht wieder auf, sondern legten eine neue in einiger Entfernung davon an, welche den Namen Wittenberge erhielt und von der Stepnitz bewässert wird.

Um die Gegend der verheerten Stadt ist es aber noch jetzt nicht ruhig, schreckende Geister und Nachtgestalten zeigen sich oft dem Volk. In einem Hause auf einer Kuppe aber läßt sich außerdem der Geist eines verstorbenen Fährmanns sehen und hören, den man dort allgemein den alten Hildebrand nennt.

 

Quelle: Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 1, Glogau 1868/71, S. 180.


Das Alte Wittenberge

Die Stadt Wittenberge hat ehemals nicht an ihrer jetzigen Stelle gelegen, sondern an einem Orte in der Nähe derselben, der jetzt ein beackertes Feld ist und den Namen der alten Stadt trägt. Man sieht dort auch noch Gräben und Wälle und einen hohen Hügel, mit einem besondern Graben umgeben; auf diesem soll das Schloss der Stadt gestanden haben, und es werden dort auch noch Mauersteine, Urnen und dergleichen mehr gefunden. Auch soll dort noch ein Keller, der aber ganz verfallen ist, vorhanden sein. Man erzählt, hier ließen sich oft Gespenster sehen und hören, und sagt, vor langen Jahren hätte ein Fräulein dieses Orts, deren Namen man jedoch nicht kennt, sich an einen Vornehmen von Adel versprochen, und dieser sich darauf in den Krieg begeben, um sich noch weiter zu versuchen, und hernach, sobald es die Zeit würde leiden wollen, die versprochene Ehe zu vollziehen. Nicht lange hernach aber hätte sie den Ritter aus den Gedanken gesetzt und einem anderen vornehmen Herrn die Ehe zugesagt, sich auch wirklich bald darauf mit ihm verbunden. Als das[235] der erste Bräutigam erfahren, hat er Stadt und Burg mit Heeresmacht angegriffen und erobert und darauf beide zerstört; dadurch sind denn die Einwohner veranlasst worden, sich einen anderen in der Nähe gelegenen bequemen Platz aufzusuchen, um daselbst eine neue Stadt anzulegen, und so ist denn das jetzige Wittenberge entstanden.

 

Quelle: Adalbert Kuhn: Märkische Sagen und Märchen nebst einem Anhange von Gebräuchen und Aberglauben. Berlin 1843, S. 235-236.


Hildebrand

Nahe bei der Stadt Wittenberge waren vor Zeiten noch zwei freiherrliche Häuser auf zwei besondern Bergen befindlich, welche man die freiherrlichen Häuser oder die Freieburg nannte. Bei dem einen derselben war noch ein Gefängniss, der Hildebrand genannt, von einem Fährmann des Namens, welcher oft darin in Haft gewesen, auch zuletzt darin gestorben. Nachher ist ein Haus darauf gebaut, in welchem aber der Hildebrand noch immer gewaltig herumtoben und lärmen soll.

 

Quelle: Adalbert Kuhn: Märkische Sagen und Märchen nebst einem Anhange von Gebräuchen und Aberglauben. Berlin 1843, S. 236.


Untergegangenes Wittenberge

Die Stadt Wittenberge hat ehemals in den Sandbergen aufwärts an der Elbe gelegen, da wo man es noch die Altstadt nennt, aber sie ist untergegangen, niemand weiß warum; gar oft aber hat man an dieser Stelle eine Nonne umherwanken sehen, gewöhnlich sogar am hellen Mittag, die ist hinuntergegangen zur Elbe, hat sich darin gewaschen, und sobald sie das gethan, ist sie zurückgekehrt und verschwunden.

 

Quelle: Adalbert Kuhn / W. Schwartz: Norddeutsche Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Pommern, der Mark, Sachsen, Thüringen, Braunschweig, Hannover, Oldenburg und Westfalen. Leipzig 1848, S. 115-116.